Vor ein paar Jahren musstest du für eine gute Dragshow in eine queere Bar gehen, oft spät in der Nacht. Heute siehst du Queens in Castingshows, in Werbespots, bei Junggesellinnenabschieden und auf Firmenevents. Für die einen ist das ein riesiger Erfolg, für die anderen ein Ausverkauf. Gehört Drag noch der Szene oder längst allen? Vier Perspektiven.

Leon, 29, Berlin, Dragkünstler: Pro

Ich lebe von Drag, und das könnte ich nicht, wenn ich nur in drei Bars auftreten würde. Die Bookings aus dem Mainstream bezahlen meine Miete, meine Perücken und meine Kostüme. Und mal ehrlich: Wenn eine Tante aus dem Sauerland nach meiner Show sagt, sie hätte noch nie so gelacht, dann hat sich etwas verändert. Drag war immer dazu da, Grenzen zu verschieben. Genau das passiert gerade, nur eben vor einem größeren Publikum.

Amira, 25, Frankfurt, Barkeeperin in einer queeren Bar: Contra

Ich sehe jede Woche, was mit den kleinen Bühnen passiert. Die Leute, die früher bei uns ihre ersten Auftritte hatten, sind jetzt teurer oder gar nicht mehr verfügbar. Gleichzeitig kommen Gruppen rein, die Drag als Kostümparty verstehen, laut sind und die Stammgäste anstarren. Ich gönne allen ihren Erfolg, aber Drag ist aus einer Community entstanden, die sich Räume erkämpft hat. Wenn es nur noch Entertainment für alle ist, geht etwas verloren.

Theo, 33, Graz, Lehrer: Pro, aber

Ich finde es super, dass Drag sichtbarer ist. Für viele junge Menschen war eine Queen im Fernsehen der erste Moment, in dem sie gemerkt haben, dass man anders sein darf. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Sichtbarkeit nicht nur die glatte, fernsehtaugliche Version zeigt. Drag ist auch rau, politisch, schräg, manchmal unbequem. Wenn nur noch das gebucht wird, was der Firma gefällt, dann verliert die Kunstform ihren Biss.

Nora, 28, Basel, Eventmanagerin: Pro

Ich buche für Firmen und Hochzeiten auch Dragacts, und ich sehe das ganz pragmatisch. Die Künstlerinnen werden fair bezahlt, das Publikum ist begeistert und viele Gäste sehen zum ersten Mal live, wie viel Handwerk dahintersteckt: Make-up, Choreo, Timing, Schlagfertigkeit. Ich glaube nicht, dass die Szene dadurch etwas verliert. Wer eine queere Bar besucht, um echte Szene-Drag zu sehen, findet die immer noch. Es kommt einfach etwas dazu.

Was dahinter steckt

Drag ist eine Kunstform, die von Anfang an mit Publikum gespielt hat. Insofern ist es fast logisch, dass sie wächst, wenn mehr Menschen zuschauen. Die Frage ist eher, wer davon profitiert. Wenn große Bühnen und Medien nur wenige bekannte Namen pushen, während kleine Bars und Newcomer*innen kämpfen, wird die Szene ungleicher. Wenn der Erfolg dagegen auch nach unten durchsickert, also mehr Gagen, mehr Nachwuchs und mehr Räume, dann gewinnen alle.

Spannend ist auch, dass die Szene selbst nie einheitlich war. Es gab immer Queens, die Showbiz wollten, und Kings, Queens und alles dazwischen, die lieber im Keller vor dreißig Leuten experimentiert haben. Beides gehört dazu. Vielleicht ist die Sorge um Ausverkauf deshalb auch eine Erinnerung daran, die kleinen Bühnen aktiv zu unterstützen, statt nur auf die großen Shows zu schauen.

Fazit

Drag ist im Mainstream angekommen, und das hat Vor und Nachteile. Mehr Sichtbarkeit und mehr Jobs auf der einen Seite, die Gefahr einer glattgebügelten Version auf der anderen. Wem gehört Drag für dich? Und gehst du noch zu Shows in queeren Bars, oder kennst du Drag vor allem aus dem Fernsehen?

Hinweis: Die Stimmen in diesem Artikel sind redaktionell zugespitzte Positionen und keine Zitate realer Personen. Was denkst du? Schreib uns auf Instagram oder per Mail.