Ohne queere Menschen gäbe es Pop, wie wir ihn kennen, schlicht nicht. Disco, Synthpop, große Bühnenshows, neue Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit: Vieles davon haben queere Künstler*innen erfunden oder entscheidend geprägt. Wir stellen dir acht Ikonen vor, chronologisch von den 70ern bis heute. Die Liste ist natürlich nicht vollständig, aber jede dieser Personen hat etwas verschoben.
1. Sylvester: die Queen of Disco
Sylvester James brachte 1978 You Make Me Feel (Mighty Real) heraus, erschienen auf dem Album Step II. Der Song kam in Großbritannien auf Platz 8 und wurde zur Hymne in schwulen Clubs weltweit. Sylvester sang im Falsett, trat in Glitzer auf und spielte offen mit Gender, Jahrzehnte bevor das in den Charts normal wurde. In den späten 70ern bekam er den Spitznamen Queen of Disco. Er starb am 16. Dezember 1988 mit 41 Jahren an den Folgen von AIDS, und seine Tantiemen gehen laut Testament bis heute an HIV/AIDS-Organisationen. 2019 wurde You Make Me Feel (Mighty Real) ins National Recording Registry der Library of Congress aufgenommen.
2. Freddie Mercury: die Stimme von Queen
Geboren 1946 als Farrokh Bulsara in Stone Town auf Sansibar, gründete Freddie Mercury 1970 mit Brian May und Roger Taylor die Band Queen. Seine Bühnenpräsenz, sein Kostümgefühl und seine Stimme machten ihn zu einem der größten Performer der Rockgeschichte. Der Auftritt bei Live Aid 1985 gilt bis heute vielen als bestes Live-Set aller Zeiten. Seine AIDS-Diagnose bekam er 1987, öffentlich machte er sie erst am 23. November 1991. Einen Tag später starb er mit 45 Jahren. Queen haben weltweit geschätzt rund 300 Millionen Alben verkauft.
3. Bronski Beat und Jimmy Somerville: Smalltown Boy
1983 gründeten Jimmy Somerville, Steve Bronski und Larry Steinbachek in London Bronski Beat. Alle drei waren offen schwul, und ihre Songs erzählten davon. Die Debütsingle Smalltown Boy von 1984 handelt von einem jungen Mann, der von zu Hause abhaut, weil er dort nicht sein kann, wer er ist. Der Song landete in Westdeutschland, Österreich, der Schweiz und Großbritannien in den Top 3 und wurde für Generationen von Kleinstadt-Queers zur Identifikationsfigur. Somerville ging 1985 und machte mit The Communards und solo weiter, die Falsettstimme blieb sein Markenzeichen.
4. George Michael: vom Teenie-Idol zur Ikone
George Michael wurde 1981 mit Wham! bekannt und startete danach eine riesige Solokarriere. Sein Album Faith von 1987 gewann den Grammy als Album des Jahres und verkaufte sich über 25 Millionen Mal. Sein öffentliches Coming-out kam 1998 unter unschönen Umständen nach einer Festnahme in Los Angeles. Statt sich zu verstecken, antwortete er mit dem Song Outside und einem Video voller Humor und Selbstironie. Er setzte sich danach offen für LGBTQ+-Rechte ein. George Michael starb am 25. Dezember 2016, 2023 wurde er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
5. k.d. lang: lesbisch, laut und erfolgreich
Die kanadische Sängerin k.d. lang outete sich im Juni 1992 im Magazin The Advocate als lesbisch, genau in dem Jahr, in dem ihr Album Ingénue mit dem Hit Constant Craving ihr den großen Durchbruch brachte. Damals war das ein enormes Risiko. Das Vanity Fair-Cover vom August 1993, fotografiert von Herb Ritts, mit Cindy Crawford, ist bis heute ein Stück lesbische Popgeschichte. 2010 sang sie bei der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Vancouver Leonard Cohens Hallelujah.
6. Frank Ocean: der Brief, der R&B veränderte
Am 4. Juli 2012 veröffentlichte Frank Ocean auf Tumblr einen offenen Brief, in dem er von seiner ersten großen Liebe zu einem anderen Mann erzählte. Im selben Monat kam sein Debütalbum Channel Orange, das einen Grammy als bestes Urban Contemporary Album gewann. Für R&B und Hip-Hop, wo queere Stimmen damals kaum sichtbar waren, war das ein Wendepunkt. 2016 folgte Blonde, das er unabhängig veröffentlichte und das bis heute als eines der einflussreichsten Alben seiner Generation gilt.
7. Lil Nas X: Rekorde und Provokation
Mit Old Town Road stand Lil Nas X 19 Wochen am Stück auf Platz 1 der Billboard Hot 100. Am 30. Juni 2019, dem letzten Tag des Pride Month, sprach er öffentlich über seine Sexualität, während der Song noch an der Spitze stand. 2021 stieg Montero (Call Me by Your Name) direkt auf Platz 1 ein, mit einem Video, das explizit queer war und genau deshalb weltweit diskutiert wurde. Lil Nas X zeigt, wie queere Künstler*innen Social Media und Popkultur heute selbst steuern.
8. Kim Petras: Popgeschichte aus dem Rheinland
Kim Petras kommt aus Uckerath in Nordrhein-Westfalen. 2022 veröffentlichte sie mit Sam Smith den Song Unholy und wurde damit die erste offen trans Frau an der Spitze der Billboard Hot 100. Bei den Grammys 2023 gewann sie mit Sam Smith in der Kategorie Best Pop Duo/Group Performance, als erste offen trans Künstlerin in dieser Kategorie. Unholy erreichte in vielen weiteren Ländern Platz 1. Eine deutsche Popkarriere mit Weltwirkung, die für viele junge trans Menschen viel bedeutet.
Warum diese Geschichten wichtig sind
Was all diese Künstler*innen verbindet: Sie haben nicht nur Hits geschrieben, sie haben sichtbar gemacht, was vorher versteckt war. Manche unter großem persönlichem Risiko, manche mit Tragik, manche mit Witz und Selbstbewusstsein. Wenn du also das nächste Mal Smalltown Boy auf einer Party hörst oder bei Mighty Real die Arme hochreißt, weißt du, auf wessen Schultern dein Dancefloor steht.





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