Ein Kleid aus rohem Fleisch. Ein Film, der so schlecht ist, dass er wieder großartig wird. Eine Bühnenshow mit mehr Federn als ein Vogelpark. Wenn du bei so etwas spontan denkst: Das ist so drüber, ich liebe es, dann kennst du Camp schon. Du hattest nur vielleicht noch kein Wort dafür. Hier kommt die Erklärung, mit Geschichte, Theorie und vielen Beispielen.
Camp in einem Satz
Camp ist die Liebe zum Künstlichen und zur Übertreibung. So hat es die US-Autorin Susan Sontag formuliert, und besser hat es seitdem eigentlich niemand gesagt. Camp ist kein Genre und keine Epoche, sondern eine Art zu schauen. Es geht um Stil über Inhalt, um Pose, um Theatralik, und darum, Dinge gleichzeitig ernst und nicht ernst zu nehmen.
Woher das Wort kommt
Die genaue Herkunft ist umstritten. Eine Theorie führt es auf das französische se camper zurück, also sich in Pose werfen. Eine andere verbindet es mit Polari, der Geheimsprache schwuler Männer im Großbritannien des 20. Jahrhunderts. Belegt ist, dass das Wort schon im 19. Jahrhundert in queeren Zusammenhängen auftaucht: 1874 berichtete eine Zeitung in Manchester über einen Drag Ball, auf dem es eine Queen of Camp gab. Camp ist also von Anfang an mit queerer Kultur verbunden, als Code, als Humor und als Überlebensstrategie in einer Welt, die einen nicht haben wollte.
Susan Sontag und die 58 Notizen
Im Dezember 1964 veröffentlichte Susan Sontag in der Zeitschrift Partisan Review ihren Essay Notes on Camp. Er besteht aus 58 nummerierten Notizen und ist Oscar Wilde gewidmet, dessen Aphorismen sich durch den Text ziehen. 1966 erschien er erneut in ihrem Essayband Against Interpretation.
Sontag listet darin ganz konkrete Beispiele auf, die sie für Camp hält, darunter Tiffany-Lampen, Schwanensee, die Opern von Bellini, King Kong und die Damenmode der 1920er mit Federboas und Perlenkleidern. Spannend ist ihre Unterscheidung: Es gibt naiven Camp, der unfreiwillig entsteht, weil jemand etwas mit vollem Ernst übertreibt. Und es gibt bewussten Camp, der genau weiß, was er tut. Beides kann großartig sein. Der Essay machte den Begriff schlagartig bekannt, auch außerhalb queerer Kreise.
Camp im Film
Der Film ist das vielleicht dankbarste Camp-Medium. Ein paar Klassiker, die immer wieder genannt werden:
- Pink Flamingos (1972): John Waters' Trash-Meisterwerk mit Divine ist bewusster Camp in seiner radikalsten Form.
- Cabaret (1972): Liza Minnelli, Glitzer, Berlin der 1930er. Theatralik als Haltung.
- Das Bettwurstel (1971): Rosa von Praunheims Film zeigt, dass Camp auch eine deutsche Geschichte hat.
- Strictly Ballroom (1992): Baz Luhrmanns Tanzfilm ist pure Pailletten-Energie.
- M3GAN (2022): Eine Killerpuppe, die tanzt. Neuerer Horror kann sehr camp sein.
Camp in der Musik
Pop und Camp sind enge Freund*innen. Cher gilt schon seit ihren TV-Shows der 1970er, für die Bob Mackie die legendären Outfits entwarf, als Queen of Camp. Dusty Springfield wurde mit Beehive und dramatischem Augen-Make-up zur Camp-Ikone. Madonnas ganze Karriere lebt stark von Camp-Bildsprache, von Kegel-BH bis zu Bühnenshows als Gesamtkunstwerk. Und Lady Gaga trug 2010 bei den MTV Video Music Awards ihr berühmtes Fleischkleid. Mehr Camp geht eigentlich nicht.
Die Met Gala 2019: Camp wird Museumsstoff
Zum ganz großen Mainstream-Moment wurde Camp 2019. Das Costume Institute des Metropolitan Museum of Art in New York widmete dem Thema die Ausstellung Camp: Notes on Fashion, die vom 8. Mai bis 9. September 2019 lief. Kurator Andrew Bolton baute die Schau direkt um Sontags Essay herum, der in der Ausstellung neben einem Foto der Autorin zu sehen war. Gezeigt wurden rund 175 Modestücke und 75 Kunstwerke, die ältesten aus dem 17. Jahrhundert.
Die zugehörige Met Gala am 6. Mai 2019 hatte Lady Gaga, Harry Styles, Serena Williams, Alessandro Michele und Anna Wintour als Co-Gastgeber*innen. Gaga zeigte auf dem Teppich gleich vier Looks nacheinander, ein Outfit unter dem anderen, wie eine Performance. Harry Styles kam in transparenter Gucci-Bluse mit Perlenohrring. Und der Designer Dapper Dan entwarf für den Abend gleich sieben Camp-Outfits. Seitdem gilt die Gala als Referenzpunkt, wenn es um Camp in der Mode geht.
Camp in der Mode allgemein
Abseits der Met Gala gibt es Designer*innen, deren ganze Arbeit camp ist. Patrick Kelly etwa arbeitete mit knalligen Farben, unpassenden Stilmischungen und zurückeroberten Symbolen, darunter ein Bananenkleid als Hommage an Josephine Baker. Camp in der Mode heißt: Das Outfit will nicht unauffällig schön sein, es will etwas erzählen, mit Augenzwinkern.
Woran du Camp erkennst
- Übertreibung: Mehr ist mehr. Immer.
- Künstlichkeit: Es darf und soll inszeniert wirken.
- Ernst und Spaß zugleich: Camp lacht nicht über etwas, sondern mit Liebe.
- Stil vor Inhalt: Die Geste ist wichtiger als die Botschaft.
- Queere Wurzeln: Camp hat sich in queeren Räumen entwickelt, als Sprache für Menschen, die nicht in die Norm passten.
Und das Schönste daran: Du brauchst kein Theoriestudium, um Camp zu genießen. Schmeiß einen John-Waters-Abend, hör Cher in voller Lautstärke oder zieh die Federboa aus dem Schrank. Sontag hätte nichts dagegen.






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