Früher war die Gay Bar der Ort, an dem man Menschen wie sich selbst überhaupt erst finden konnte. Heute reicht ein Griff zum Handy. Dating läuft über Apps, Freundschaften entstehen im Uni-Seminar, im Büro oder im Sportverein, und viele queere Menschen fühlen sich auch in ganz normalen Kneipen wohl. Braucht es da überhaupt noch eigene Bars? Wir haben vier Leute gefragt, die das ziemlich unterschiedlich sehen.

Tim, 24, Stuttgart, Werkstudent: Pro

Ich war vielleicht dreimal in einer Gay Bar, und ehrlich gesagt hat mir nie etwas gefehlt. Meine Freund*innen sind gemischt, wir gehen in die Bar um die Ecke, und da kann ich mit meinem Freund genauso Händchen halten. Ich verstehe, dass das früher anders war. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich einen eigenen Raum brauche, um ich zu sein. Für mich ist das eher eine Frage der Gewohnheit als der Notwendigkeit.

Sophie, 30, Dresden, Krankenpflegerin: Contra

Das klingt schön, wenn man in einem Viertel wohnt, wo alles easy ist. Aber das ist nicht überall so. Ich habe in Kneipen schon blöde Sprüche gehört, nur weil ich meine Freundin geküsst habe. In einer queeren Bar muss ich nicht überlegen, wie ich mich verhalte. Dazu kommt: Apps sind super für Dates, aber für Freundschaften und Community sind sie fast nutzlos. Die Bar ist der Ort, wo ich zufällig Leute treffe, die ich sonst nie kennengelernt hätte.

Emil, 27, Bern, Barista und DJ: Contra, mit Selbstkritik

Ich glaube, wir brauchen queere Bars mehr denn je, aber viele müssen sich verändern. Manche sind seit Jahrzehnten gleich: gleiche Musik, gleiches Publikum, gleiche Deko. Junge Leute fühlen sich da nicht angesprochen und bleiben weg. Dann heißt es, die Jugend interessiere sich nicht mehr. Dabei funktionieren neue Konzepte richtig gut, zum Beispiel Bars mit Quizabenden, Kulturprogramm oder Tagescafé-Charakter. Es braucht Räume, nicht unbedingt die alten Formate.

Jana, 35, Innsbruck, Lehrerin: Pro, aber nur in der Großstadt

In Berlin oder Köln kann ich die These nachvollziehen. Da gibt es so viele queere Partys, Vereine und Treffpunkte, dass eine einzelne Bar nicht mehr den Unterschied macht. Aber in kleineren Städten sieht das ganz anders aus. Wenn dort die einzige queere Bar schließt, gibt es oft gar keinen sichtbaren Ort mehr. Ich würde also sagen: Die Großstadt braucht sie vielleicht weniger, das Land und kleinere Städte umso mehr.

Was dahinter steckt

Die Frage nach den Gay Bars ist eigentlich eine Frage nach Räumen. Wo begegnen sich queere Menschen, wenn nicht über einen Bildschirm? Apps sind effizient, aber sie sortieren. Du siehst nur, wer in dein Raster passt. Eine Bar dagegen ist chaotisch, generationenübergreifend und manchmal unbequem, und genau darin liegt ihr Wert.

Gleichzeitig ist es fair, die Bars selbst in die Pflicht zu nehmen. Wer junge Leute erreichen will, muss Angebote machen, die zu ihrem Leben passen. Das kann ein alkoholfreies Getränkeangebot sein, ein früherer Programmstart, inklusivere Partys für FLINTA* oder einfach eine Playlist, die nicht im Jahr 2005 stehen geblieben ist. Und wer sich queere Orte wünscht, kann sie auch unterstützen, indem er hingeht, statt nur darüber zu reden.

Fazit

Ob wir Gay Bars noch brauchen, hängt stark davon ab, wo du wohnst und was du suchst. Für Dates sind sie vielleicht nicht mehr nötig, für Community und Sichtbarkeit spielen sie aber weiterhin eine Rolle. Wie ist das bei dir? Hast du eine Lieblingsbar, oder findest du deine Leute längst woanders?

Hinweis: Die Stimmen in diesem Artikel sind redaktionell zugespitzte Positionen und keine Zitate realer Personen. Was denkst du? Schreib uns auf Instagram oder per Mail.